40 Jahre Wallfahrt zum Apostel Matthias nach Trier

SMB-Drove

von Horst Hechemer

Vom 14. Mai – 17. Mai diesen Jahres pilgerte die SMB-Drove zum 40.Mal nach dem 2. Weltkrieg nach Trier zum Grab des Apostels Mattias. Angefangen hat alles im Jahre 1975. Der damalige Pastor von Drove, Pater Peters, hatte, als man über die Buswallfahrt nach Trier sprach, gefrotzelt: „Eine Fußwallfahrt bekommt ihr ja doch nicht auf die Reihe“. Das hat einigen Angesprochenen keine Ruhe gelassen und ihren Ehrgeiz geweckt. So trafen sich eine Hand voll Interessenten u. a. Rudi Küpper, Matthias Bettge und Clemens Becker und begannen mit der Planung. Man betrat völliges Neuland, keinem war der genaue Weg bekannt, keiner hatte eine Vorstellung, wo man schlafen sollte, keiner hatte eine Idee, wie die Verpflegung organisiert werden konnte, wie gestaltete man das Gebet unterwegs? und und ….. Am 27. Mai 1976 starteten 19 Pilger morgens um 6.00 Uhr in ein unbekanntes Abenteuer, zur ersten Wallfahrt nach dem 2. Weltkrieg. Die Wallfahrt startete wie schon in Vorkriegszeiten immer an Christi Himmelfahrt. Die Ankunft in der Abtei ist samstags gegen 18.oo Uhr

Anzumerken ist noch, dass die Bruderschaft seit 320 Jahren besteht, was durch eine Urkunde der Abtei, beurkundet von Abt Cyrill, besiegelt ist. Alte Berichte beweisen, dass es immer Wallfahrten gegeben hat, die aber spätestens mit dem Verbot in der Nazi-Zeit eingestellt werden mußten. Buswallfahrten gab es schon kurz nach dem 2. Weltkrieg.

Der Weg:

Der Weg ist das Ziel, so heißt es häufig. Ich widerspreche:Unser Weg hat ein Ziel.

Vor dem ersten Gang nach Trier hatten einige Pilger Wege und Möglichkeiten erkundet, man wollte ja nicht nur entlang der asphaltierten Strassen laufen. War die Wegplanung in der näheren Heimat noch recht einfach, so war es für die folgenden Tage schon schwierig. So kristallisierte sich über die Jahre folgende Wegstrecke heraus: Am ersten Tag geht es über Thum Berg, Hergarten nach Kall-Sötenich; nach der Mittagspause durch die Wälder der Eifel vorbei an Marmagen nach Schmidtheim. Der zweite Tag führt durch Wälder, Täler und über Höhen der Eifel. Steffeln und Büdesheim sind Tagesziele bevor am Abend Balesfeld erreicht wird. Viele Jahre führte der dritte Tag meist entlang der alten B 51 (die neue B 51 gab es noch nicht) über Bitburg, dann über Nebenstrassen bis nach Helenenberg. Danach ging es immer entlang der damals noch nicht so stark befahrenen B 51 nach Trier, über die erste Moselbrücke, dann entlang der Mosel bis zur Basilika St. Matthias. Der Weg der Pilger führte durch Dörfer und über Wege, die nachweislich alter Pilgerberichte unserer Vorfahren, schon vor Jahrhunderten gegangen waren.

Der Verkehr auf der Bundesstrasse 51 wurde Jahr für Jahr mehr. Immer mehr LKW´s aus Frankreich und Spanien, die über Metz, Luxemburg kommend diese Bundesstrasse als kürzere Variante ins Ruhrgebiet wählten. Als die Autobahnmaut eingeführt wurde, war es nicht mehr zu verantworten, eine Pilgergruppe entlang dieser Strasse zu führen.

So keimte der Gedanke den alten Eifelvereinsweg 4 (Josef-Schramm-Weg) der von Kreuzau aus, zur Porta Nigra nach Trier führt, einmal in Augenschein zu nehmen. Mehrere Male machten sich Pilger auf den Weg, um eine Variante zu suchen. Dabei kam es zu einer neuen Lösung. Der neue Weg führt seit dem am dritten Tag ab Balesfeld über Speicher-Bahnhof durch das wildromantische Kylltal nach Auw, Daufenbach und Kordel bis zu den Moselbergen. Abseits von Verkehr und Lärm, immer an der Kyll entlang treffen wir auf manch eine Pilgergruppe, die das gleiche Ziel vor Augen haben. Hinter Kordel geht es mit zwei steilen Auf- und Abstiegen, die den Pilgern nochmals alles abverlangen, hinauf in die Moselberge zum Eifelkreuz und zum Schusterkreuz. Dann beginnt der Abstieg nach Trier. Plötzlich und einigermaßen unerwartet steht man auf einer Aussichtkanzel oberhalb der alten Römerstadt. Das Ziel ist plötzlich greifbar nah. Der Blick schweift über die Mosel und Weinberge, Dom und Liebfrauenkirche, Porta Nigra bis hin zur Basilika St. Mattias am westlichen Ende der Stadt. In den Serpentinen trifft man wieder auf den alten Weg der zur Basilika am westlichen Stadtrand von Trier führt.

Die Verpflegung unterwegs

Bereits seit 1976 waren Verpflegungs- und Versorgungsfahrzeuge im Einsatz. Dies waren Privat-PKW´s, die oftmals von den Frauen der ersten Pilger geführt wurden. Die Auto´s sind nötig um übermüdete oder gehkranke Pilger (Blasen, Zerrungen, Überanstrengung) aufzunehmen. Da die Pilgerzahl zu „besten Zeiten“ 70 Personen betrug, wurde es erforderlich größere Fahrzeuge mit zu-führen, in denen Tische, Bänke, Verpflegungsmaterial transportiert werden. Vor vielen Jahren schaffte die Bruderschaft einen Transporter an, wo all diese Dinge hineinpassten. Zu den regel- mäßigen Mahlzeiten gab es in den ersten Jahren: Kartoffel- und Nudelsalat mit Würstchen, Erbsen- und Gulaschsuppe, natürlich Brot und alkoholfreie Getränke. Bei Regenwetter wurden für die Pilger Zelte aufgestellt, um die gemeinsamen Mahlzeiten einzunehmen. Anschließend ist die große Zeit der Fußpflege. Blasen, Muskelkater und mehr wollen behandelt sein, um schmerzfrei die nächste Etappe anzugehen. Heute gibt es die Möglichkeit, in Düttling, Kall, Büdesheim und Auw, in Pfarrheimen oder Bauernhöfen die Pausen angenehmer zu gestalten. In Trier selbst ist die Bruder- schaft seit vielen Jahren im Hotel Piper nahe der Paulinskirche untergebracht. Die Pilger sind dankbar, die Zwischenstopps in festen und zum Teil beheizten Räumen verbringen zu können. Denn oftmals gab es am frühen Morgen noch Minustemperaturen, denn Frostnächte im Mai sind in der Hocheifel keine Seltenheit. Abends isst man gemeinsam, am zweiten Abend aber werden wir von unseren Quartiersgebern mit einem wahren Festessen nach Strich und Faden verwöhnt. Dabei wird geklönt und erzählt, denn die Pilger kennen die Gastgeber oftmals seit Jahrzehnten.

Die Begleitpilger sind ein wahrer Schatz für die Pilger. Schon lange bevor die Pilger ankommen, haben sie alles vorbereitet, Brötchen belegt, Kaffee gemacht, Eier gekocht und manch eine Überraschung bereit. Alles muss relativ schnell gehen, denn man geht jeden Tag 50 Kilometer, d.h. 10 Stunden.

Gebet/Meditationen/Messen

Mit Beten und Singen den großen Gott, den Schöpfer dieser wunderbaren Natur die wir durch-wandern, zu loben, ist ein Ziel der Wallfahrt. Das Rosenkranzgebet und Glauben tragen die Pilger auf die Strasse und in die Dörfer. In der Vergangenheit kam es vor, dass Menschen stehenblieben und sich angesichts des mitgeführten Kreuzes, bekreuzigten, oder auch das jemand der Pilgergruppe Geld überreichte, um in Trier eine Kerze zu entzünden. Das passiert heute nicht mehr. Neben den bekannten Rosenkränzen werden auch der Matthiasrosenkranz, sowie zum Wallfahrtsthema passende Rosenkränze gebetet. Meditationen unterbrechen dieses eigentlich monotone Gebet. Seit vielen Jahren stehen die Wallfahrten unter einem Wallfahrtsthema, herausgegeben von der Benediktinerabtei St. Matthias. Mit diesen Worten sind alle Bruderschaften unterwegs nach Trier und dadurch im Geiste miteinander verbunden. Es sind allesamt Worte aus der Bibel.

Die Wallfahrt beginnt mit einer Messe in der Drover Pfarrkirche. Am zweiten Tag gibt es eine Messe an der Grillhütte bei Steffeln, am dritten Tage feiern wir mit unseren Gastgebern in Balesfeld in der dortigen St. Antoniuskapelle. Die Pilger sind dankbar, dass Pfarrer Georg Scherer (wie auch seine Vorgänger, z.B. Pater Peters) als Präses der SMB seit vielen Jahren zu den Pilgern zählt. Zu den Höhepunkten zählt die Eucharistiefeier am großen Pilgersonntag auf dem Freihof der Matthiasbasilika. Hieran nehmen mehrere hundert Pilger aus dem großen weiten Pilgerland vom Niederrhein bis zur Eifel, von Aachen bis nach Köln teil.

Ziel/Sinn/Motivation

Der Apostel Matthias ist der einzige Apostel, der nachweislich nördlich der Alpen begraben liegt. Kaiserin Helena, die Mutter des römischen Kaisers Konstantin soll die Gebeine nach Trier gebracht haben. Seit 1148 gibt es die Wallfahrten nach Mattheis. Wallfahrten gibt es seit Urzeiten aus religiösen Gründen oder um ein Gelübde zu erfüllen, auf der ganzen Welt und in allen Religionen. Eine erste Wallfahrt aus Drove gab es vermutlich im Jahre 1696.

Die Pilger erleben unterwegs eine Gemeinschaft, wie man sie sonst kaum noch erleben kann. Die Sorgen des Alltags geraten in den Hintergrund, die Pilger hat nur ein Ziel vor Augen: Zunächst das jeweilige Tagesziel zu erreichen sowie am 3. Abend am Grab eines Zeitzeugen von Jesus zu stehen. Mattias hat ihn live erlebt, ist mit ihm durch das Heilige Land gezogen, und die unglaubliche Aura dieses Mannes erlebt. Das Grab dieses Zeitzeugen Jesu ist das Ziel.

Der Einzug in St. Matthias ist selbst für langjährige Pilger, erst Recht für Neupilger ein sehr emotionaler Moment und nicht selten laufen Tränen. Man ist am Ziel der Wallfahrt. Vergessen sind die Qualen, das Drücken der Wanderschuhe, die Blasen, die Muskelschmerzen, der Meniskus. Die Erschöpfung zwar noch spürbar, werden von einem Glücksgefühl kaum gekannten Ausmaßes überflutet. Man weiß, ich bin angekommen, alleine hätte ich den Weg nie bestanden, aber die wunderbare Gemeinschaft hat mich getragen. Manch einer wundert sich darüber wie schnell doch die Tage vergangen sind, Tage an denen der Pilger nur das Ziel vor Augen hat. Es bleiben Fragen wie: Warum pilgert man? Ist es die Frömmigkeit? Oder sind es persönliche Probleme oder Abenteuerlust? Oder einfach mal „aussteigen“, die Langsamkeit des Lebens zu „ergehen“?

Unterbringung

Wo findet man in kleinsten Eifeldörfern und dünn besiedelten Gebieten eine Herberge für 60 oder auch 70 Pilger. Das ist heute eine der großen Herausforderungen der Organisatoren. In Schmidt- heim finden die Pilger seit Jahrzehnten Aufnahme bei Privatpersonen und in der ehemaligen Gast- stätte Niessen. Der Familie Niessen gehört ein großer Dank der Wallfahrer aus Drove. Nach Aufgabe der Gaststätte aus Altergründen vor wenigen Jahren, finden wir Unterkunft im Schmidtheimer Hof. Dort ist auch ein gemeinsames Abendessen. Zu den Pilgerfamilien ist in den Jahrzehnten ein herzliches und freundschaftliches Verhältnis entstanden. Sie räumen die Betten für die Pilger, die Kinder werden umquartiert zu Opa und Oma. Wir erlebten, wie die Kinder geboren wurden, später zur Arbeit gingen, wie sie selbst wieder heirateten und unseren Gastgebern Enkel bescherten. Jeder Pilger hat so seine eigenen Geschichten erfahren, die ein Buch füllen könnten.

Das zweite Tagesziel ist Balesfeld im Eifelkreis Prüm-Bitburg. Das kleine Dorf hat vielleicht 200 Einwohner. Es ist erstaunlich was etliche Bürger in diesem Dorf für uns Pilger tun. Sie haben einmal gesagt: „Pilger nehmen bringt Segen“. Auf jeden Fall bedeutet es auch soziale Kontakte, denn sie sprechen Tage und Wochen vorher, daß die Pilger kommen und untergebracht werden müssen. Wir erleben auch hier eine herzlich Aufnahme, gute Bewirtung und gute Gespräche. Einige der Gastgeber gehen am nächsten Tag mit uns bis zum Grab des Apostels. Auch sie spüren recht bald die Gemeinschaft aber auch die Anstrengungen. Sie fühlen sich schnell in die Gemeinschaft aufgenommen und schauen bewundernd zu, wie die Pilger in den Pausen von den Begleitpilgern umsorgt werden. Sie erleben das Gebet, die Zeiten der Ruhe und Meditationen und bringen sich in die Gespräche auf dem Weg ein und werden schnell Mitglied der Pilgergruppe.

In Trier herrscht an diesem „großen Pilgerwochenende“ noch größere Bettennot wie sonst in dieser viel besuchten Stadt. Denn die Pilger aus allen Richtungen treffen ein, und benötigen ein Quartier. Den Verantwortlichen ist es noch immer gelungen die Pilger in verschiedenen Hotels unterzubringen. Seit 20 Jahren sind wir im Hotel Piper (nahe der Paulinskirche) untergebracht – wenigstens die Meisten. Der damalige Besitzer dieses Hotels Franz-Michael Piper, ist 10 Jahre lang mit der Gruppe von Drove nach Trier gepilgert und war begeistert von der Gemeinschaft.

Entwicklung

Waren es im ersten Jahr 19 Pilger die sich auf den Weg machten, so sind es im Jubiläumsjahr 67 Pilger. Mittlerweile haben ca. 290 Personen, einmal oder mehrmals eine Wallfahrt nach Trier mitge- macht. Im Jahr 1986 wurde die erste Fußwallfahrt für Kinder und Jugendliche ins Leben gerufen. Die Kinder gehen keine 150 KM. Sie erleben aber auch Gemeinschaft, haben Freude und Spaß. Sie sind mächtig stolz, wenn sie auf den Abteihof von St. Matthias ziehen und vom Beifall der nachgereisten Eltern, Opa´s, Oma´s, und den Begleitpilgern empfangen werden. Bleibt zu hoffen, dass ein Feuer entfacht wurde, und diese heute noch jungen Pilger irgendwann sich an das Erlebte erinnern und zurückfinden zu diesem körperlichen und geistlichem Wagnis.

Seit dem Jahre 2002 gibt es eine Seniorenwallfahrt. Die Strapazen von täglich 50 Kilometern tun sie sich nicht mehr an, pilgern daher an 5 Tagen jeweils eine 30 KM lange Strecke Hier gehen sowohl ehemalige Pilger der großen Wallfahrt mit, aber auch Novizen aus den umliegenden Dörfern. Ein schönes Auffangbecken für ältere Pilger die sich den großen Anstrengungen nicht mehr gewachsen fühlen.

Jubilare 2015

Zwei der diesjährigen Pilger sind seit der ersten Wallfahrt ununterbrochen dabei, und konnten die 40 Fusswallfahrt feiern. Dies sind: Kurt Becker und Matthias Bettge.

Kurt Becker ist schon seit vielen Jahren Gebetsbrudermeister und für die Aufrechterhaltung des Gebetes unterwegs verantwortlich. Nachdem sein Bruder Clemens Becker aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr wallfahren konnte, rückte er als Vorbeter in die vorderste Reihe der Pilger-gruppe Er ist also in all den Jahren 6000 KM gepilgert. Er kennt die Wege, die Abzweigungen, die in den dichten Wäldern sich manchmal sehr gleichen. Er kennt das Tempo, das gegangen wird, nicht zu schnell, nicht zu langsam. Ein treuer Weggefährte, ein Mann der ersten Stunde der mit der diesjährigen Wallfahrt Abschied nimmt.

Matthias Bettgeist ebenfalls Pilger seit 1976. Er wurde sehr früh zum Wallfahrtsleiter und damit verantwortlich für das Gelingen der Wallfahrt. Dazu gehörte die umfangreiche, intensive Vorberei- tung der Wallfahrt in allen genannten Themen, Weg, Verpflegung, Unterkunft, Gebet und Gesänge unterwegs. Eine Erkrankung zwang ihn vor Jahren dazu von den Fußpilgern zu den Begleitpilgern zu wechseln. Er begann rechtzeitig damit seine Aufgaben an andere Pilger zu übertragen. Somit wurden die Voraussetzungen geschaffen, dass die Wallfahrt auch einst ohne ihn noch weiter durchgeführt werden kann. Abt Athanasius hat ihm einst bescheinigt, dass er sein „Feld bestellt“ habe. Die Bruderschaft kann man als sein Lebenswerk betrachten. Wegen seiner Verdienste wurde er 2013 völlig zurecht zum Ehrenbrudermeister ernannt, und für seine Leistungen gewürdigt. Vom Kreis Düren mit dem Ehrenpreis für Soziales Engagement ausgezeichnet, nicht nur wegen Engagements in Bruderschaft und Kirche, sondern auch wegen seines Einsatzes für die Menschen der Lebenshilfe in der Wohngruppe „Düren, Merzenicher Strasse“. Sein weiteres ehrenamtliches Engagement seit über 50 Jahren in beinahe allen Vereinen des Dorfes aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Drove ist ihm zu großem Dank verpflichtet für sein ehrenamtliches Engagement.

Veröffentlicht in Katholische Pfarre, St. Matthias Bruderschaft am 21.04.2016